12.07.16
Was ist die Clubcommission? - ein Interview
Pressesprecher Lutz Leichsenring spricht im Interview über die gefährdete Qualität von Berliner Clubs und warum die bunte Musikszene so wichtig für Berlin ist.

Seit dem Jahr 2000 setzt sich die Clubcommission Berlin e.V. mit derzeit über 170 Mitgliedern dafür ein, die Berliner Club-, Festival-, OpenAir-, Party- und Kulturereignisveranstalter zu unterstützen und zu fördern.  Denn Clubkultur ist ein Kulturgut, welches das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben in Berlin maßgeblich mitgestaltet.

Der Verband ist damit bundesweit zum Vorbild für ähnliche Initiativen in allen deutschen Metropolen geworden, die sich im Laufe der letzten Jahre gegründet haben.

 

Im Berliner Nachtleben herrscht starke Konkurrenz. Wie kann ein Konzept erfolgreich sein, das auf Zusammenhalt der Clubs basiert?

Berliner Veranstalter und Clubbetreiber, die sich in einem subkulturellen Umfeld bewegen, haben meist eine klare Haltung und Vorstellungen, was sie für gut und richtig halten. Manchmal paart sich das noch mit einem großen Ego… Es ist also weniger der Konkurrenzgedanke, der den Zusammenhalt erschwert, sondern die Einstellung mancher Akteure.

Umso erstaunlicher, dass wir es mit der Clubcommission geschafft haben, ein Sprachrohr zu sein, weitgehend einheitliche Meinungen zu bilden und den Austausch und eine Zusammenarbeit untereinander zu fördern.

Ich denke, es liegt in erster Linie an unserer sehr pragmatischen und lösungsorientierten Arbeitsweise, dass dies in den vergangenen 15 Jahren so gut funktioniert hat und Vorbildcharakter für andere Metropolen genießt.

 

Wie ist das Phänomen „Clubsterben“ zu erklären?

Clubsterben subsummiert eine Reihe von Veränderungen, mit denen wir in den vergangenen Jahren konfrontiert wurden.

Zum einen mussten Clubs schließen oder umziehen, da die Eigentümer des Gebäudes andere Pläne verfolgten oder die Nachbarschaft erfolgreich geklagt hatte. Zudem werden Kieze soweit gentrifiziert, dass Mieten, Betriebskosten und Abgaben steigen und die Nachfrage nach alternativen Musikangeboten abnimmt. Einem Club mit experimentellem und Nischenprogramm fehlt dann die wirtschaftliche Grundlage.

Insbesondere in innerstädtischen Bezirken beobachten wir ein „qualitatives“ Clubsterben. Aus Clubs werden Diskotheken oder schicke Bars. Gäste kommen nicht wegen des Line-ups, sprich wegen der Künstler, sondern um zu sehen und gesehen zu werden.

Nervende Junggesellenabschiede, Pub-Crawls und die Invasion von Spätis und Bierbikes sind die Folge. In einigen Straßenzügen der Stadt ist das Nachtleben bereits sehr beliebig geworden und unterscheidet sich nicht von anderen Städten.

 

Was wäre in Berlins Nachtleben passiert, wenn es die Clubcommission nicht geben würde?

Wir sehen uns als Know-How-Träger, wenn es um Problemlösungen oder Hilfestellungen geht. Clubs und Veranstalter greifen täglich auf unser Expertenwissen und unsere Kontakte zurück und vermeiden dadurch kostspielige Fehlentscheidungen.

Wir sind konstruktiv und unbequem zugleich, wenn es um Bauprojekte geht, die wie z.B. der Wohnturm „Living Levels“ an der Oberen Stadtspree, die in unmittelbare Nähe von Musikspielstätten gebaut werden.

Eine der wichtigsten Errungenschaften der Clubcommission ist sicherlich auch die Veränderung der Wahrnehmung der Clubszene in der Öffentlichkeit und bei politischen Entscheidern. 

Dass populäre Musik nicht nur einen ökonomischen Einfluss auf Berlin hat, sondern auch einen wertvollen kulturellen Beitrag leistet, führte 2011 zur Initiative „Musik2020“, die von der Clubcommission gemeinsam mit anderen Musiknetzwerken initiiert wurde. Denn obwohl die Hauptstadt durch die Musik-Akteure zu einer attraktiven, international relevanten Musikmetropole gemacht wurde, fehlten eine politische Würdigung und die daraus abzuleitenden Rahmenbedingungen. Das damals vorgestellte Kampagnenpapier führte wenige Monate später zur Gründung des „Musicboard Berlin“.

Aber auch bei neuen Entwicklungen ist die Stimme des Vereins gefragt. Um jungen Querdenkern in der Stadt eine Stimme zu verschaffen, startete die Clubcommission vor zwei Jahren das Projekt „Geplantes Chaos“, welches junge Nachwuchsveranstalter von Free Open Airs in Dialog mit städtischen Experten und Entscheidungsträgern zusammenbringt.

 

Was ist das Résumé der 15 Jahre, in denen die Clubcommission besteht?

Waren es in den Anfangsjahren noch unverhältnismäßige Polizeieinsätze, die Clubs und Veranstalter zur Zusammenarbeit animiert hatten, sind es heute Mediation bei Konflikten mit Anwohnern oder die GEMA. Themen wie Stadtentwicklung und Gentrifizierung von Kreativen hingegen beschäftigen den Verein schon seit seiner Gründung.

Die Netzwerkarbeit der Clubcommission trägt seit einigen Jahren Früchte.

Als Mitglied in Beiräten, an Runden Tischen, bei Konferenzen oder Podiumsdiskussionen beteiligt sich die Clubcommission aktiv an der Gestaltung von Rahmenbedingungen in der Zukunft. Man hatte lange unterschätzt, welchen Impulsfaktor die kleinteilige Musikszene auf Berlin hat.

Die gesamte Kreativwirtschaft profitiert von der Strahlkraft der Berliner Musikszene, ebenso wie der Tourismus. Ein Drittel der Berlin-Besucher kommt wegen des vielfältigen Musikangebots in die Stadt. Das kulturelle Umfeld erleichtert auch schnellwachsenden IT-Startups die Anwerbung von Fachkräften.

Und: Wenn das Times Magazine Berlin als „Capital of Cool“ beschreibt, sind sicherlich nicht die knapp 70 Shopping-Malls gemeint.

 

Wo geht der Club-Trend in Berlin aktuell hin?

Einen „Trend“ in der Clubszene zu benennen würde bedeuten, dass dieser wieder bereits überholt ist. Aber es gibt Konstanten, die Trends entgegenwirken.

Solidarität, Freiheitsgedanke und Understatement gehören zu den Werten der Szene. Tischreservierungen, VIP-Bereiche oder Bottle-Service passen da nicht ins Bild.

Auch das Fotografieren und Filmen in Clubs ist verpönt oder nicht erlaubt.

Investiert wird nach wie vor in Sound und Künstler, nicht in teures Mobiliar, geweißelte Wände oder Marketingkampagnen. Auch bei der Flüchtlingskrise haben viele Clubs Initiativen gegründet oder tatkräftig unterstützt.

Seit einigen Jahren gibt es auch Schnittpunkte und Kooperationen zwischen der Hoch- und Subkultur, die den Qualitätsanspruch insbesondere elektronischer Musik unterstreichen.

 

Das Interview erschien ursprünglich auf http://www.aussergewoehnlich-berlin.de/clubcommission/