07.04.13
Stasi-Vorwurf gegen Bauherrn
Nach Recherchen des SPIEGEL liegt ein begründeter Verdacht vor, dass es sich beim Zwickauer "IM Jens Peter" um den Bauherrn des Projekts "Living Bauhaus" und Geschäftsführer der cic group handelt.
Dem SPIEGEL-Bericht zufolge soll der Bauherr Kandidat der SED, ab 1989 Mitglied der PDS gewesen sein und alias IM Jens Peter in "reaktionären Kirchenkreisen" in Zwickau gespitzelt haben. Der Ex-Stasi Führungsoffizier von IM Jens Peter schrieb zu DDR Zeiten sogar seine Diplomarbeit über die beispielhafte Arbeit jenes Mannes, der seine Freunde und Kollegen bespitzelte.
 
"Sollte sich dieser Verdacht erhärten, muss die Politik im Interesse der Familien der Maueropfer umgehend das Bauprojekt stoppen" fordert Sascha Disselkamp von dem Bündnis East Side Gallery retten! und "weiterer Schaden durch unsensiblen Umgang mit der Deutschen Geschichte abgewendet werden." Bereits durch die Versetzung von Mauerelementen der East Side Gallery und die Bebauung des ehemaligen Todesstreifens habe sich die instinktlose Stadtentwicklungspolitik international zum Gespött gemacht. Wenn es um die Bebauung der historischen Mitte der Deutschen Hauptstadt geht, dürfe man auch kritische Fragen hinsichtlich der Biografie und Person eines Bauherren Fragen stellen und sich nicht kompromisslos hinter einen Investor stellen.
 
Laut RBB Abendschau hätte noch im Oktober 2012 die Chance für einen Rückkauf des Geländes bestanden, welches sowohl der Senator für Stadtentwicklung als auch der Finanzsenator Berlins abgelehnt habe, da "kein gesamtstädtisches Interesse" bestünde. Dies war offensichtlich eine fatale Fehleinschätzung: Mittlerweile haben über 85.000 Menschen die Petition gegen die Bebauung des ehemaligen Todesstreifens unterzeichnet. Zudem haben sich 2/3 der Berliner in einer repräsentativen Umfrage der Berliner Zeitung gegen eine Bebauung ausgesprochen, wenn dadurch Mauerteile versetzt werden müssen.
 
Unterdessen schaffte der umstrittene Bauherr weiter Fakten und entfernte zuletzt am 27. März mehrere Mauerelemente unter Polizeischutz in einer Nacht- und Nebelaktion. "Das Vorgehen des Investors ist ein Affront gegen alle, die einen vernünftigen Kompromiss wollen", sagte dazu Senatssprecher Richard Meng am Mittwoch der Nachrichtenagentur dapd.
 
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Auch der SED-Opferverband kritisierte die Zerstörung der Eastside Gallery. Der Verein DDR-Opfer-Hilfe erinnerte daran, dass an dem Mauerabschnitt zu DDR-Zeiten bei Fluchtversuchen mehrere Menschen ums Leben kamen. „Dass ausgerechnet dort Luxuswohnungen entstehen sollen, ist völlig unverständlich“, erklärte Ronald Lässig, Vorsitzender der DDR-Opfer-Hilfe gegenüber der BZ. Der Denkmalschützer Prof. Dr. Leo Schmidt forderte in einem Interview mit der Berliner Zeitung den Erhalt der East Side Gallery durch einen Aufnahmeantrag in die Unesco-Liste.
 
Der Regierende Bürgermeister Wowereit erklärte am 4. März die Rettung der East Side Gallery zur Chefsache. Damit ist er auf ganzer Linie gescheitert: Zwischenzeitlich wurde eine Baugrube ausgehoben und weitere Mauerstücke entfernt. Ein Ersatzgrundstück wurde von Anfang an nicht thematisiert, obwohl bereits bei mehreren Demonstrationen tausende Bürgerinnen und Bürger dies eingefordert haben. Sollte sein Verhandlungspartner Hinkel eine Stasi-Vergangenheit haben, wäre dies sicherlich das Ende jeglicher weiteren Verhandlungen. 
 
Die Club- und Kulturszene fordert ihr Recht auf Stadt ein und will planerisch mitbestimmen. Daher beteiligt sie sich aktiv im "Forum StadtSpree", um dem Stadtraum entlang der Oberen StadtSpree auf neue Weise zu kulturalisieren und historisieren, um ihm durch Kunstgalerien und Musikfestivals, durch Events und Erinnerungsorte seine scheinbar verloren gegangene Authentizität und Aura wiederzugeben. Traditionelle Planung von oben, wie die Berliner Stadtentwicklungspolitik der vergangenen Jahrzehnte war, ist nicht mehr hinreichend legitimiert, denn sie steht im Verdacht, die Gentrifizierung städtischer Räume zu fördern. Professor Dr. Wolfgang Kaschuba von der Humboldt Universität Berlin schreibt in der ZEIT: "Das Spreeufer ist in diesem Abschnitt zu einemSpielplatz urbaner Interessen und Ideen geworden, zu einem strategischen Ort. Deshalb bilden sich hier so scharfe und scheinbar klare Frontstellungen heraus: Privatisierer gegen Verteidiger des öffentlichen Raums, Spekulanten gegen Kreative, Schickes gegen Szeniges." Die East Side Gallery verkörpere ein Gesamtkunstwerk aus Geschichte und Gedächtnis, aus Kunst und Emotion, aus Event und Imagination, das die Berliner Stadtlandschaft prägt. Und damit sei sie kein schlichtes geschichtspolitisches Objekt, sondern ein höchst kompliziertes moralisches Projekt, das auf einem neuen urbanen Pathos und Ethos aufbaue.
 
GEGENDARSTELLUNG:

Entgegen der Darstellung im Tagesspiegel vom Freitag (http://www.tagesspiegel.de/berlin/mauerdemo-lieber-ohne-hasselhoff/8026894.html) hat Sascha Disselkamp den Auftritt von David Hasselhof nicht als "intellektuellen Tiefschlag" bezeichnet. Dieses Zitat war aus dem Zusammenhang gerissen und bezog sich auf Äußerungen von Kritikern des Protests über Hasselhoff. Sascha Disselkamp bedankte sich mehrfach öffentlich und persönlich bei David Hasselhoff für seinen Besuch und lobte sein umfassendes Wissen über die Teilung Deutschlands und deren Überwindung. Hasselhoff, so Disselkamp, war und ist weiterhin für das Bündnis East Side Gallery ein wichtiger Unterstützer in der internationalen Aufmerksamkeit um den Konflikt über das Spreeufer. Das Aktionsbündnis steht mit dem US-Amerikaner eng in Verbindung und plant weitere Aktionen. Der nächste Protest ist für den Sonntag, 14.04.2013 geplant.